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Mit neuem Job aus tiefer Krise (Lesezeit ca. 5 Min.)

Nicole Kiepert ist nach einigen schweren Jahren auf dem Weg aus einer schweren Krise zurück in ein eigenständiges, glückliches Leben. Viele Hürden hat sie selbst bewältigt, oft auch die richtigen Helfer gefunden. Die Arbeit als Kosmetikerin für sie extrem wichtig.

Von Marina Spreemann
und Thomas Elsner



Ausgabejahr 2019
Datum 07.12.2019

Neubrandenburg.
Graue Jahreszeit? Für Nicole Kiepert lichtet sich gerade jetzt das viele Grau um sie herum, und die Farben kehren für sie allmählich zurück. Die 37-Jährige kämpft sich aus einer tiefen persönliche Krise heraus und schafft es Stück für Stück wieder, ihr eigenes Leben zu bestimmen. Eine schwere Depression machte das der jungen Frau lange unmöglich.

Leicht hatte es Nicole Kiepert noch nie. Ihre Eltern trennten sich, als sie ein Kind war. In der 9. Klasse musste sie erleben, wie ihre Mutter starb. Das Mädchen verließ die Schule mit dem Hauptschulabschluss. Keine guten Voraussetzungen für den Traumberuf Kinderkrankenschwester. Zur Berufswahl standen Hauswirtschafterin oder Textilverkäuferin. „Ich habe mich für eine zweijährige Ausbildung als Verkäuferin entschieden, da gab es etwas mehr Geld“, erinnert sie sich. Einen Job fand sie jedoch nicht. Also war die damals 17-Jährige Feuer und Flamme, als ihr damaliger Freund vorschlug, nach Hamburg zu ziehen. Nur ihr Vater war zunächst dagegen.

Klinkenputzen für einen Job in der Großstadt
Doch mit 18 packte sie die Koffer und zog mit ihrem Freund in die Großstadt. „Dort habe ich jeden Tag in den Geschäften nachgefragt, ob sie einen Job für mich haben. Ich bin ein Arbeitsmensch, Hausfrau ist gar nichts für mich“, erinnert sie sich. Nach zwei Wochen hat es geklappt. In Hamburg fühlte sie sich wohl. Sie wurde schnell stellvertretende Filialleiterin. Die Beziehung zu ihrem Freund war nicht einfach, aber alles spielte sich ein. Der erste Sohn wurde geboren. „In Hamburg lebte es sich gut. Nur die Kinderbetreuung ist dort schwierig, wenn man arbeitet.“

Der Kontakt zu ihrem an Krebs erkrankten Vater riss nie ab. „Wir haben jeden Tag um 8 Uhr morgens telefoniert und uns öfter Briefe geschrieben“, erzählt sie. Die Krankheit des Vaters verschlimmerte sich immer mehr. „Am Wochenende bin ich nach Neubrandenburg gefahren, immer sonnabends nach der Arbeit, und sonntags zurück. Das war auf die Dauer sehr anstrengend, erst recht mit einem kleinen Kind.“ Aber Nicole war nun mal das Nesthäkchen und Papas Liebling.
 
Irgendwann entschied sie sich dann mit Freund und Kind wieder nach Neubrandenburg zurückzukehren. „Das fiel mir ein bisschen schwer, aber ich habe mich auch auf die alte Heimat gefreut“, sagt sie. „Meinem Papa habe ich dann auf dem Sterbebett versprochen, dass ich hier bleibe. Er wollte wohl auch, dass meine Schwester auf mich aufpasst.“

In ihrer alten Heimatstadt war die Jobsuche schwierig. Schließlich fand sie wenigstens einen Nebenverdienst als Kassiererin bei einer Supermarktkette. „Aber das war schon eine Umstellung, von der stellvertretenden Filialleitung auf diesen Platz.“ Auch die Beziehung wurde immer schwieriger. „Ich habe funktioniert, mich angepasst und gar nicht gemerkt, wie sehr ich mich eingeschränkt fühle.“ Erst als ein anderer Mann sich für sie interessierte, merkte sie, „wie schön das Leben eigentlich ist“. Er habe ihr wieder gezeigt, dass sie etwas wert sei.

Die Kraft für den Alltag war einfach weg
„Aber Nähe konnte ich gar nicht zulassen.“ Zu tief steckte die junge Frau, die inzwischen zwei Kinder hatte, schon in der Depression. „Ich kam nicht mehr aus den Puschen. Mir fehlte die Kraft zum Kochen, zum Spielen mit den Kindern oder zum Spazierengehen.“ Erst als sie Post vom Jugendamt bekam, wachte sie auf. Eine Freundin hatte dem Amt einen Hinweis gegeben. „Ich war erst sauer auf sie, aber dann dankbar.“ Nicole Kiepert suchte sich Hilfe – in der Klinik, bei Psychologen, bei Familienhelfern und Betreuern, die ihr Behördengänge und das Regeln der Finanzen abnahmen. Aber auch das Jobcenter Mecklenburgische Seenplatte-Süd kam ins Spiel, denn einen Job zu finden, Struktur in ihren Tag zu bringen, das war der jungen Frau extrem wichtig. Ihr Wunsch war dann eine Umschulung für den Pflegebereich. Schließlich war Kinderkrankenschwester schon in der Schule ihr Wunschberuf. Aber als sie 2014 ihr drittes Kind mit einem neuen Partner bekam, wurde daraus nichts. Auch die Arbeitssuche war lange erfolglos. „Ich war dafür noch nicht fit genug“, sagt sie.

Doch ein glücklicher Zufall kam ihr dann zu Hilfe. Gartennachbarin Yvonne Neltner, die auch mit Nicole Kieperts Schwiegermutter befreundet war und einen eigenen Kosmetiksalon in der Neubrandenburger Oststadt betreibt, wurde auf sie aufmerksam. „Ich habe immer selbst meine Nägel gemacht, und sie meinte, ich hätte Talent für so etwas. Und, ehrlich gesagt, ich schminke mich auch gern und sehe gern gut aus.“

Die Geschäftsfrau hatte lange hin- und her überlegt. Sie kannte ja die gesundheitlichen Hintergründe. Mit Hilfe des Jobcenters und nach Gesprächen mit Arbeitsvermittler Henry Braun konnte Nicole Kiepert zur Probearbeit und zum Praktikum in den Salon kommen. „Wir hatten Frau Kiepert zu der Zeit schon lange über das Projekt Integra begleitet, in dem wir Langzeitarbeitslosen mit psychischen Problem helfen konnten. Dabei ging es gar nicht darum, sofort eine Arbeitsstelle zu finden, sondern denjenigen erst mal wieder fit zu machen für den Arbeitsmarkt“, erklärt Braun. Das gehe meist nur in ganz kleinen Schritten, oft über Jahre. „Vor allem muss derjenige das selbst auch wollen“, sagt er. Und Nicole Kiepert wollte. Henry Braun war dann „sehr angetan“ von der Idee, die seine Kundin und Yvonne Neltner hatten. Er hat geholfen, Weiterbildung und Förderung zu finden und zu finanzieren.

Die Finanzen wieder selbst in die Hand bekommen
Im Dezember 2018 absolvierte Nicole Kiepert ein vom Jobcenter gefördertes Praktikum. Weiterbildungen für Kosmetik und Fußpflege folgten – und das Angebot für einen festen Arbeitsplatz im Salon ab Februar. Das Jobcenter half mit einem Eingliederungszuschuss. Nicole Kiepert sagt: „Dieser Arbeitsplatz ist das Beste, was mir passieren konnte.“ Sie hat einen festen Kundenstamm, ist fast immer ausgebucht. „Die Kunden geben mir so viel zurück. Würde ich diese Arbeit verlieren, würde ich wohl wieder ganz weit runterrutschen“, schätzt sie ein.

Nicole Kiepert Foto: Jobcenter

Aber die 37-Jährige ist auf dem Weg nach oben. Gerade hat sie wieder selbst die Oberhoheit über ihre Finanzen übernommen. Sie kümmert sich intensiv um die Schullaufbahn ihrer Kinder. Und die junge Familie hat sich eine neue Wohnung gesucht. Der Tapetenwechsel soll ihr dabei helfen, mit der schweren Zeit abzuschließen und nach vorne zu schauen.